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Burnout im Lehrerberuf

Burnout im Lehrerberuf

Burnout ist als eine negative Beanspruchungsfolge mit Krankheitswert zu verstehen. Wie wir heute wissen, kommt diesem Beanspruchungsphänomen im Lehrerberuf erhebliches Gewicht zu.

Burnout beruht auf enttäuschten Erwartungen.

Im Kern laufen die in der Literatur getroffenen Aussagen zur Entwicklung des Burnout darauf hinaus, dass anfängliche Erwartungen permanent und massiv enttäuscht werden. Die Enttäuschungen äußern sich im Erleben eines Ungleichgewichts von Geben und Empfangen zu Ungunsten des letzteren und schlagen sich dann als negative Beanspruchungsfolgen nieder.
Der Lehreralltag hält nun zahlreiche Gelegenheiten für ein Missverhältnis von Geben und Empfangen bereit. Konkret manifestiert sich eine solch negative Bilanz auf zweierlei Ebenen:
Zum Ersten geht es um die Bilanz im Lehrer-Schüler-Verhältnis. Dem Engagement für die Schüler steht in der Regel ein geringer oder fehlender Rückfluss an Dank oder Zuwendung (seitens der Schüler oder auch deren Eltern) gegenüber. Ja mehr noch: problematisches Schülerverhalten macht nicht selten die Bemühungen um guten Unterricht zunichte und führt zu emotionalen Verletzungen, die bekanntermaßen besonders nachhaltig wirken. Nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer müssen für sich erkennen, dass anfängliche Tatkraft und pädagogischer Optimismus abhanden gekommen sind, weil es ihnen nicht gelingt, eine für erfolgreichen Unterricht angemessene Beziehungsgestaltung zu erreichen.
Zum Zweiten handelt es sich um die Bilanz im Verhältnis Lehrer-Organisation Schule. Diese Bilanz kann in mehrfacher Hinsicht negativ sein: Erstens scheitern berufliche Ideale oftmals daran, dass Lehrerinnen und Lehrer durch von "oben" kommende Maßnahmen und Anordnungen in ihren Gestaltungsmöglichkeiten behindert und eingeengt werden. Es besteht mitunter ein Ausmaß an Fremdbestimmung, wie es in anderen akademischen Berufen kaum vorstellbar ist. Unter dieser Voraussetzung lassen sich schwerlich eigene berufsbezogene Ziele entwickeln und über längere Zeit hinweg verfolgen. Gerade aber die Möglichkeit für persönliche Zielsetzung ist eine wesentliche Bedingung psychischer Gesundheit im Berufsleben. Zweitens ist zu bedenken, dass das noch immer weit verbreitete "Einzelkämpferdasein" in diesem Beruf insbesondere in schwierigen Situationen das Gefühl entstehen lässt, allein gelassen und hilflos zu sein. Es werden dann insbesondere die Erwartungen der Personen enttäuscht, die sich in stärkerem Maße durch soziale Bedürfnisse auszeichnen und die aus diesem Grunde auch den Beruf gewählt haben. Für sie vor allem fällt mit dem Ausbleiben sozialer Unterstützung eine wichtige Ressource der Gesunderhaltung weg. Drittens schließlich gilt es in Rechnung zu stellen, dass die Arbeitszeit vieler Lehrerinnen und Lehrer eine kritische Grenze erreicht hat. Bedingt durch den Umstand, dass schulische Arbeiten in größerem Umfange zu Hause in den Abendstunden und am Wochenende zu erledigen sind, werden die Möglichkeiten der Regeneration eingeschränkt und damit Anfälligkeiten für Belastungsreaktionen erhöht. Und kritisch wird es eben vor allem dann, wenn trotz des investierten Aufwandes an Zeit und Kraft die angestrebten Ergebnisse ausbleiben.
Den erlebten Widerspruch zwischen Geben und Nehmen, wie er hier für beide Ebenen der Lehrerarbeit aufgezeigt wurde, bezeichnet Siegrist (1996) als "Gratifikationskrise". Fallen die persönlichen Bilanzen im Laufe der beruflichen Tätigkeit immer mehr im Sinne der "Gratifikationskrise" aus, so sind die Weichen für eine Burnout-Entwicklung gestellt. Dabei muss dem Burnout nicht immer eine schleichende, über eine lange Zeit der Berufsausübung voranschreitende Entwicklung zugrunde liegen.

Burnout hat Ursachen in den Arbeitsbedingungen und der Person.

Freilich sind bei der Burnout-Entstehung die Lehrerinnen und Lehrer nicht nur als Opfer belastender Umstände zu sehen. Zu berücksichtigen ist die Interaktion zwischen Person und Arbeitsbedingungen (vgl. Kieschke, 2003). So kann problematisches Schülerverhalten selbstverständlich auch mit Unzulänglichkeiten in der pädagogischen Kompetenz von Lehrern zusammenhängen. Mangelnde Durchsetzungsbereitschaft oder auch defizitäre berufliche Fähigkeiten können mit bedingen, dass in der schulischen Arbeit liegende Freiheitsgrade und Gestaltungsmöglichkeiten (die es trotz aller Reglementierung geben kann) nicht gesehen und genutzt werden. Und selbstverständlich ist das Ausmaß sozialer Unterstützung, wie sie vom Kollegium und der Schulleitung geleistet wird, auch davon abhängig, ob und wie sich die betreffende Person selbst einbringt. Kurzum: Um negativen Bilanzen auf beiden Ebenen, auf der Ebene des Lehrer-Schüler-Verhältnisses und der organisationalen Ebene, vorzubeugen, sind auch Anforderungen an die Person des Lehrers zu stellen. Insbesondere sollte die Fähigkeit und Bereitschaft gegeben sein, sich auch in schwierigen sozial-kommunikativen Anforderungssituation durchzusetzen und zu behaupten. Ein grundlegendes Erfordernis ist im Weiteren, dass die in den Beruf eingebrachten Ansprüche und Erwartungen am Machbaren und Erreichbaren ausgerichtet werden. Einschlägige Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Realismus in der Einstellung auf den Beruf vor Enttäuschungen bewahren und damit ein wirksamer Faktor bei der Vermeidung von Burnout sein kann (vgl. Schmitz & Leidl, 1999).

Burnout liegt eine prozesshafte Entwicklung zugrunde.

Bei aller Heterogenität der heute in der Literatur vertretenen Burnout-Konzepte sind sich die Autoren in einem Punkt einig: Bei Burnout handelt es sich um eine prozesshafte, in mehreren Phasen verlaufende Entwicklung (Burisch, 2006). Am Anfang steht hohes, oftmals überzogenes Engagement, es folgen Phasen (nicht immer geordnet und klar abgegrenzt), die durch Müdigkeit, Enttäuschung, Rückzug, Reizbarkeit und Überdruss sowie psychosomatische Reaktionen gekennzeichnet sind, bis schließlich ein Stadium erreicht ist, in dem anhaltende Erschöpfung, das Erleben von Leistungsinsuffizienz, Resignation und Verzweiflung das Bild bestimmen. Ausgehend von einem solchen Verständnis kann es nicht ausreichen, sich bei der Erfassung lediglich an den Symptomen zu orientieren, die üblicherweise im fortgeschrittenen Verlauf auftreten. In dem rein symptomorientierten Herangehen sehen wir die entscheidenden Begrenztheiten der bisherigen Burnout-Diagnostik. Nicht alle Bilder, die durch das Erleben von Erschöpfung, Überdruss und Resignation gekennzeichnet sind, müssen auf einen Burnout-Prozess zurückgehen. Beschränkt man sich auf eine solche Statuserhebung, ist z. B. nicht die Abgrenzung gegenüber einem Überforderungserleben möglich, das von Anfang an bestand, oder auch gegenüber Krankheitsbildern wie Neurasthenie und Depression, die sich auf anderem Wege herausgebildet haben. Nicht jeder Mensch, der sich heute ein Burnout bescheinigt, ist in dieser Kategorie richtig aufgehoben. Zumindest eines müsste gewährleistet sein: der Metapher entsprechend sollte der Weg vom "Brennen" zum "Ausbrennen" geführt haben. Wer nicht einst entflammt war, kann schwerlich ausgebrannt sein.

Burnoutdiagnostik darf sich nicht auf Symptomerfassung beschränken.

Wir selbst versuchen, in der Burnout-Diagnostik einen Schritt weiter zu kommen, indem wir den rein symptomorientierten Ansatz überwinden und uns dem Phänomen Burnout im Sinne eines ressourcenorientierten Konzeptes nähern. Gefragt wird danach, wie Menschen den Anforderungen ihres Berufes begegnen und auf welche internen Ressourcen sie sich dabei stützen können, d.h. welche persönlichen Merkmale sie in die Belastungsbewältigung einbringen. Aus dem Zusammenspiel der Merkmale ergeben sich komplexere Muster des Verhaltens und Erlebens, die gesundheitsförderlicher, aber auch gesundheitsbeeinträchtigender Art sein können. Burnout verstehen wir als eines der gesundheitsgefährdenden Muster. Diesem Ansatz, der Burnout-Diagnostik über die Analyse des beruflichen Bewältigungsverhaltens Rechnung zu tragen, folgt das diagnostische Instrument AVEM (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster, Schaarschmidt & Fischer, 2003).
Mittels des Verfahrens lässt sich die wahrscheinliche Zugehörigkeit zu vier Mustern arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens bestimmen. Sie zeigen unterschiedliche Ressourcen der Belastungsbewältigung an:

  • Muster G (Gesundheit: hohes, aber nicht überhöhtes Engagement, Belastbarkeit und Zufriedenheit)
  • Muster S (Schonung/Schutz: geringes Engagement, Gelassenheit und relative Zufriedenheit)
  • Risikomuster A (Selbstüberforderung: exzessive Verausgabung und verminderte Erholungsfähigkeit, Einschränkung der Belastbarkeit und Zufriedenheit)
  • Risikomuster B (Resignation: reduziertes Engagement bei stark verringerter Erholungs- und Widerstandsfähigkeit, Erschöpfung und Niedergeschlagenheit)


Das Risikomuster B entspricht in seinen Merkmalen den letzten Stadien eines Burnout-Prozesses. Dennoch kann es nicht ohne weiteres mit Burnout gleichgesetzt werden. Von Burnout wäre dann zu sprechen, wenn die Entwicklung vom Muster A ("Brennen") zu Muster B ("Ausgebranntsein") verläuft.
In Untersuchungen an umfangreichen Stichproben von Lehrerinnen und Lehrern mussten wir feststellen, dass sich viele von ihnen (annähernd 30 %) in einer solchen Entwicklung befinden (Schaarschmidt & Fischer, 2001; Schaarschmidt, 2005). Für sie ist ein mehr oder weniger fortgeschrittenes Stadium des Burnout-Prozesses zu konstatieren. Und auf all diesen Stufen besteht dringender Handlungsbedarf.

Burnout muss als medizinische Kategorie anerkannt werden.

Die erwähnten diagnostischen und damit verbundenen konzeptionellen Probleme dürften auch ein wesentlicher Grund dafür sein, dass Burnout bisher als medizinische Kategorie keine Anerkennung gefunden hat. Weder im DSM-IV  noch in der ICD 10 wird es in diesem Sinne aufgeführt. In der Medizin hat sich bis zum heutigen Tage noch nicht die Auffassung durchgesetzt, dass es sich bei Burnout um eine eigenständige und ernstzunehmende Folge negativer Beanspruchung mit Krankheitswert handelt und dass hier Maßnahmen angezeigt sind, die über die Empfehlung hinausgehen, doch mal Urlaub zu machen und gründlich auszuspannen. Es genügt nicht, an den Symptomen anzusetzen. Entscheidend ist vielmehr, Ressourcen zu stärken, die dem Burnout entgegenwirken. Dabei gilt es, die Intervention in umfassende Konzepte der Beanspruchungsoptimierung einzuordnen, die personen- als auch bedingungsbezogene Maßnahmen umfassen. Bezogen auf den Lehrerberuf sehen wir dabei vier große Aufgabenfelder: die Einflussnahme auf die Rahmenbedingungen des Berufs, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen vor Ort, eine verbesserte Rekrutierung und Vorbereitung des Lehrernachwuchses und schließlich gezielte Entwicklungsbemühungen der Lehrer selbst (Näheres vgl. Schaarschmidt, 2005).

Literatur

Burisch, M. (2006). Das Burnout-Syndrom - Theorie der inneren Erschöpfung (3. Aufl.). Berlin: Springer.
Kieschke, U. (2003). Arbeit, Persönlichkeit und Gesundheit. Beiträge zu einer differentiellen Psychologie beruflichen Belastungsgeschehens. Berlin: Logos.
Schaarschmidt, U. (Hrsg.) (2005). Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf. Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes (2. Aufl.). Weinheim: Beltz.
Schaarschmidt, U. & Fischer, A. W. (2008). AVEM - Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster (3. Aufl.). London: Pearson. Computerversion im Rahmen des Wiener Testsystems, Mödling: Schuhfried Ges.m.b.H.
Schmitz, E. & Leidl, J. (1999). Brennt wirklich aus, wer entflammt war? Studie 2: Eine LISREL-Analyse zum Burnout-Prozess bei Lehrpersonen. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 46, 302-310.
Siegrist, J. (1996). Soziale Krisen und Gesundheit: eine Theorie der Gesundheitsförderung am Beispiel von Herz-Kreislauf-Risiken im Erwerbsleben. Göttingen: Hogrefe.

Ambulantes Präventionsprogramm für Lehrkräfte als Burnout-Prophylaxe in der Rehaklinik an der Salza


Die Abteilung Psychosomatik der Rehaklinik an der Salza beabsichtigt, in enger Abstimmung mit dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, ein niedrigschwelliges präventives Angebot für Lehrerinnen und Lehrer mit verschiedenen Modulen regelmäßig anzubieten. Berücksichtigt werden die besonderen Erfordernisse des Lehrerberufes und der aktuelle Forschungsstand zur Lehrergesundheit.
Erlernt werden sollen Grundlagen der Stressverarbeitung, der Burnout-Entwicklung und unterschiedliche Maßnahmen zur Entspannung, mentalen Entlastung und körperlicher Stärkung.

Kontakt über:  http://rehaklinik-badlangensalza.de

Karikatur von Klaus-Dieter Scheler, Thüringer Landesbetrieb für Arbeitsschutz und technischen Verbraucherschutz, Regionalinspektion Nordhausen

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Bild von Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt
Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt